Prag der Zukunft?

21.03.2019

An Prag als moderner mitteleuropäischer Großstadt gehen derzeitige Graswurzelbewegungen, die einen vernünftigeren Umgang mit unserer Umwelt fordern und beginnen, natürlich nicht unbemerkt vorüber. Wie ich den Stand hier bisher so erlebe und wie mein Alltag hier so aussieht, ist Thema dieses Beitrags. Dass Umwelt als Thema irgendwie präsent ist, bemerkt man schon, bevor man den kleinen Laden im Erdgeschoss meines Wohnheims betritt, denn dort hängen zwei Zettel von https://lessplastic.co.uk/ (einer Seite, die leider völlig ohne Quellenangaben auskommt), die dazu auffordern, Kunststoff zu vermeiden. Die Zettel müssen wohl von Studierenden aus dem Wohnheim dort aufgehängt worden sein und haben mit der Führung des Laden wohl wenig zu tun, denn sobald man einen Blick hinein wirft, muss man feststellen, dass einzig das Brot ohne Verpackung auskommt. Da es abgesehen vom Brot aber sowieso nicht viel Brauchbares in dem Laden gibt, ist das aber sowieso mein einziger Grund, ihn zu besuchen.
Zwei Plakate mit lustigen Bildchen an einer Tür
Plakat für Kunststoffvermeidung am Wohnheimsladen
Nach etwas Recherche habe ich herausgefunden, dass es natürlich auch Unverpacktläden in Prag gibt. Ich gehe meistens zu einem Laden namens Bezobalu (tschechisch für „ohne Verpackung“), der mir sehr gut gefällt, weil er eine sehr große Auswahl an Lebensmitteln und anderen Haushaltsmitteln bietet und dabei auch faire Preise hat – deutlich erschwinglicher als das (zudem auch kleinere) Pendant in Heidelberg.
Ich, wie ich aus einem von vielen Behältern an einer Wand Haferflocken in ein großes Glas abfülle
Haferflocken abfüllen im Bezobalu. Vielen Dank an Marvin für das Bild!
Dort gibt es auch einige besondere Biere zu kaufen (allerdings in Flaschen verpackt), von denen ich mir eines Abends im Wohnheim eines genehmigt habe. Doch jemand musste wohl keck hier in Tschechien ein Nicht-Pilsner Bier gebraut haben, denn ohne dass ich etwas Böses geahnt hätte, wurde ich an den Geschmack eines wohlbekannten Bamberger Rauchbieres erinnert. Die Überraschung war freilich meine eigene Schuld, denn wenn ich etwas weniger geistesabwesend durch die Welt ginge, hätte ich doch bemerken können, dass das Etikett sowohl sein „geräuchertes“ (nakouřený) Bier anpreist als auch einen Schornstein samt -feger abbildet.
Bierflasche mit Etikett, das einen Schornstein und einen Schornsteinfeger zeigt
Nakouřený Švihák – ein Rauchbier aus Pardubitz
Jedenfalls bin ich recht häufig in dem Laden anzutreffen, da ich sehr viel zu Hause koche. Das liegt auch daran, dass ich mir üblicherweise Essen mit in die Uni nehme. Das Mensa-Angebot ist nämlich gar nicht so berauschend wie in Heidelberg. Die nächste Mensa ist mehrere Straßenbahnstationen entfernt und bietert leider auch überhaupt keine veganen Gerichte an. Im Gebäude unserer Fakultät gibt es dafür ein traditionelles tschechisches Restaurant, das jeden Tag andere Gerichte serviert und den Studierenden Preisnachlass gibt. Dort gibt es aber auch so gut wie nie ein veganes Angebot. Am einfachsten und schnellsten ist es daher für mich, einfach mein Essen von zu Hause mitzubringen. Einmal hatte ich mich also zum Mahl in irgendeinen nahegelegenen Park begeben und eben angefangen zu essen, als mir die wundervollen Vögel in dem Park auffielen. Es gab ganz viele Tauben, die sich der Sonne und der Brotkrümel der Spaziergänger erfreuten. Und außerdem auch ein paar Pfaue.
Eine Taube im Profil
Eine stolze Taube
Ein männlicher Pfau von vorn. Das Gefieder leuchtet in der Sonne.
Ein Pfau
Ein männlicher Pfau von hinten.
Derselbe Pfau nochmal
Aber genug vom lieben Essen. Welches Lebensstilmerkmal hat (abgesehen von Kinderlosigkeit und Flugvermeidung) neben pflanzlicher Ernährung einen großen positiven Einfluss auf die „persönlichen“ Treibhausgasemissionen? Laut diesen Untersuchungen ist es Autolosigkeit. Das ist in Prag offensichtlich einfach, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind natürlich sehr gut ausgebaut. Was ich jedoch deutlich vermisse, ist eine einladende Radfahrinfrastruktur. Radwege sieht man nur vereinzelt, eigene Abstellplätze gibt es fast gar nicht und das allgegenwärtige Kopfsteinpflaster macht die Sache vermutlich auch nicht angenehmer. Bisher habe ich mir daher noch kein Rad gekauft; mal sehen, ob das im Verlauf des Frühlings vielleicht noch passiert. Allein bin ich mit meiner Radlosigkeit eindeutig nicht, wie man schon an dem Fahrradabstellplatz unserer Fakultät sehen kann, der so klein ist, dass er einfach in unserem Flur Platz findet.
Ein Fahrradständer mit Platz für acht Räder, an dem sieben Räder stehen
Fahrradständer für unsere Fakultät
Mein Gesamteindruck ist eigentlich langweiligerweise ähnlich wie in Deutschland: Es existiert irgendwie ein Umweltbewusstsein und es gibt überall in Prag Orte, an denen man das ganz besonders merkt, aber man muss sie großenteils gezielt suchen, denn in der Breite der Gesellschaft ist das Thema nicht sehr präsent, was sich eben zum Beispiel daran zeigt, dass ein normales tschechiches Restaurant kein veganes Gericht anbietet; das ist in Deutschland ja nicht anders.