Bohnicer Tal

11.05.2019

Als eher nördlich angesiedelter Bewohner Prags führt ein jeder meiner üblichen Wege mich nach Süden, sei es zur Uni, zum Einkaufen, zum Bouldern oder zum Ausgehen. Doch gleich nordwestlich des Wohnheims liegt das Wohngebiet Bohnice, das vor allem von Massen an Plattenbauten aus der kommunistischen Ära geprägt ist. Und wiederum hieran grenzt das Naturdenkmal Bohnické údolí, das Tal von Bohnice. Zeit für einen Ausflug!

Aufmerksam wurde ich darauf eigentlich durch meinen amerikanischen Kumpel, den ich ja damals bei Nevan Contempo kennengelernt habe. Der hat mir nämlich empfohlen, mir doch den alten Friedhof von Bohnice anzuschauen, wenn ich Zeit finde. Also bin ich mit dem Bus zur Haltestelle Bohnické údolí gefahren und habe mich von dort auf den Weg gemacht. Auf dem Weg zum Friedhof entfernt man sich von den Wohnhäusern, kommt durch einige Schrebergärten und sieht dann das Tor vor sich:

Eine dicke, weiße Backsteinmauer mit großem eisernen Tor
Das Tor zum Friedhof

Am Tor befindet sich auch ein Schild, das über die Geschichte des Friedhofs aufklärt, der vor allem geistig Kranke der großen psychiatrischen Klinik in Bohnice beherbergt. Hier ist meine amateurhafte und stellenweise sicher falsche Übersetzung:

Das Sanatorium von Bohnice wurde im Jahre 1903 gegründet und dieser Ort wurde schon sehr bald zu dem Bereich, an dem die Patienten der Einrichtung begraben wurden. Und nicht nur diese. Den ewigen Traum träumen hier wegen des ersten Weltkrieges 48 geistig kranke italienische Kriegsausreißer aus der Region Trident und auch zehn Gefangene aus Serbien, Russland und Bosnien. Die Mehrheit starb an einer Typhusepidemie. Im Jahr 1932 wurde für sie hier eine Gedenktafel angebracht; heute existiert sie nicht mehr. Schon die Geschichte des Friedhofs selbst ist düsterer als die von anderen ähnlichen Einrichtungen. Die Schicksale der begrabenen Toten waren großenteils traurig und es scheint, als ob diese Traurigkeit und der Niedergang [von was?] den ganzen Friedhof durchdringen. Es liegen hier fast viertausend Gräber. Zu Beginn des Jahres 1963, als der Friedhof unter Aufsicht des Friedhofsdienstes [?] renoviert wurde, wurde aufgehört hier Gräber anzulegen. Heute wird der Friedhof vom psychiatrischen Krankenhaus Bohnice verwaltet.
Ein Schild, das über den Friedhof informiert
Das Schild am Eingang klärt über den Friedhof auf.

Es ist ein faszinierendes Areal: Die umgebende Mauer, die zerfallene Kapelle und nur ganz wenige noch erkennbare Grabsteine kennzeichnen es als Friedhof. Vielmehr dominieren die hohen Bäume und das Efeu, das neben den Bäumen auch fast den gesamten Boden überzieht. Die Pfade zwischen den alten Gräbern kann man daran erkennen, dass das Efeu dort weniger dicht wächst.

Ein Weg führt auf eine von Efeu überwucherte verfallene Kapelle zu. Neben dem Weg wuchert auch das Efeu.
Die alte Friedhofskapelle

Erwähnenswert ist vielleicht noch das obeliskartige Denkmal, das sich im hinteren Teil des Friedhofs befindet. Das Kreuz auf der Spitze ist teilweise abgebrochen und ein Alpha und ein Omega zieren zwei gegenüberliegende Seiten des Steins. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass es sich wohl um ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen handelt. Das hätte man vielleicht auch dort lesen können, aber von der Inschrift aus metallenen Lettern zeugen nur noch kleine Löcher im Sockel. (Das ist auf den Bildern nicht zu sehen.)

Ein etwa 5 m hoher Obelisk, auf den die Sicht noch von Ästen und Blättern verdeckt wird
Ein Obelisk im Gestrüpp
Derselbe Obelisk nun von näher. Auf der Spitze ein verfallenes Steinkreuz
Der Obelisk nicht im Gestrüpp

Nach dem Besuch des Friedhofs habe ich mich ins Tal von Bohnice begeben und bin dort zur Moldau hinabgewandert. Es ist ein schönes Gebiet, aber viele Bilder habe ich davon jetzt nicht gemacht.

Im Vordergrund ein Rapsfeld; im Hintergrund Wiesen, Wälder und Strommasten
Diese „Kulturlandschaft“ könnte man so auch in Hohenlohe bestaunen.
Ich, wie ich an einem Abhang sitze und ins Tal hinabschaue
Der Blick ins Tal
Ein bewaldetes Tal und auf der anderen Seite des Tals viele große Plattenbauten
Plattenbauten über dem Tal

Unten an der Moldau traf ich dann wieder auf einen richtigen Weg, der an der Moldau entlang bis zu meinem Wohnheim (und natürlich noch weiter) führt. Nur war ich nicht der einzige, der an diesem doch noch schön gewordenen Tag vorhatte, diesen Weg entlangzuschreiten. Ganz im Gegenteil, denn es fand wohl eine Art Lauf hier statt, bei dem die Teilnehmenden mehrmals die Strecke hin und zurück zu laufen hatten, sodass ich vor Läufern von beiden Seiten auf der Hut sein musste!

Etwas weiter moldauabwärts, als ich die Laufstrecke hinter mir gelassen hatte, kam ich dann an einen Campingplatz und eine Wassersportanlage, die auch Kajakwildwasser im Angebot hat. Da fühlte ich mich ja richtig an meinen Heidelberger Kajakkurs erinnert. Schade nur, dass es in Heidelberg kein Wildwasser gibt. Und ein Trojanisches Pferd gab es auch.

Künstlich angelegte Wildwasserbahn für Kajaks mit Toren und Tribüne.
Hierfür müsste ich noch etwas üben.
Kajaktore auf dem stillen Fluss
Das ist schon eher mein Metier
Eine etwa 10 Meter hohe Holzunterkunft in Form eines Pferdes
„Also … jetzt, äh, warten Lancelot, Galahad und ich bis zum Einbruch der Nacht, springen aus dem [Pferd] und überrumpeln die nichtsahnenden Franzosen!“